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Realities and histoires d´amour
Realities and histoires d´amour

15. Dezember 2002 - 26. Januar 2003

Muss immer etwas Bestimmtes verhandelt werden? Suggeriert wird zwar eine thematische Ausstellung, doch ist kein roter Faden von Anfang bis Ende gespannt. Geschichten stehen nebeneinander, so wie sie im Leben nebeneinander stehen, so wie im Denken Heterogenes rasch aufeinanderfolgt. Privates und Politisches, Fiktives und Faktisches, Alltag und Geschichte verschlingen sich darin in merkwürdigen Konstellationen, fügen sich zu unbegründbaren Hierarchien, Dualitäten von individueller und kollektiver Erfahrung, von Zärtlichkeit und Brutalität, Poesie und Realität. Dabei reflektieren die Arbeiten von Gabriele Basch, Tracey Moffatt, Stefanie Schneider und Mathilde ter Heijne auch die mediale Formung unserer Selbst- und Weltwahrnehmung.

Die auf den ersten Blick so harmlos-zuckersüß anmutenden Papierschnitte von Gabriele Basch (Jg. 1964) entführen uns in das Reich der Trivialkultur, um dann unsere Seifenblasensehnsüchte nach einer heilen Welt eiskalt und heimtückisch zerplatzen zu lassen - keine Illusion ohne Desillusionierung.

Tracey Moffatt (Jg. 1960) erzählt in ihrem Kurzfilm "Night Cries" (1989) von einer Mutter-Tochter-Beziehung, und zugleich geht es um Zeitgeschichte, um die australische Politik, Kinder von Aborigines weißen Pateneltern zu übergeben, Die nonlineare Erzählstruktur hebt die Artifizialität der stark stilisierten Bilder noch stärker hervor, die von australischer Landschaftsmalerei ebenso beeinflusst sind wie vom Film und der Fotografie des 20. Jahrhunderts.

Amerikanischen Mythen spürt Stefanie Schneider (Jg. 1968) in stark vom Kino geprägten Fototableaus nach. Nicht zuletzt durch die Verwendung von veralteten Polaroidmaterial muten die inszenierten Geschehen wie Traumsequenzen an, die sich nicht nur wegen der Leerstellen jeder Interpretation und Nacherzählung entziehen. Gezeigt werden die Arbeiten "Memorial Day" (2001), "Frozen" (2001) und "Untitled" (2002).

Mathilde ter Heijne (Jg. 1969) schreibt in "Mathilde, Mathilde" (2000) die Kinogeschichte um, in welcher der Frau nur zu gerne der Part des Opfers zugewiesen wird. Auf drei französische Filme mit einer an der Liebe leidenden Protagonistin namens Mathilde referierend, stößt sie am Ende ihres Videos eine ihr nachgebildete Puppe über ein Brückengeländer in den Fluss anstatt Selbstmord zu begehen und fällt also aus der Rolle. In "Ne me quitte pas" (2000) sehen wir das Double, neben sich ein Radio, aus dem ein Liebeslied erklingt.

 
PAUL MORRISON
CORYMB

13. Oktober - 1. Dezember 2002

Comics und die nationale Leidenschaft der Engländer für die Gartenkunst scheinen wenig gemeinsam zu haben. Der in London lebende Paul Morrison (Jg. 1966) lässt sich von beiden zu großflächigen Wandmalereien inspirieren, in denen sich die Ästhetik von Walt Disney und Andy Warhol mit derjenigen japanischer Holzschnitte trifft. Der historische Schuhhaussaal, dessen geschnitzte Holzstützen sich mit etwas Phantasie in einen Wald verwandeln, wird zur artifiziellen Naturidylle, die uns aus der Herbsttristesse entführt, aber auch argwöhnisch stimmt.
 
ARTISTS´ GAMES, PUBLIC`S GAMES
ARTISTS´ GAMES, PUBLIC`S GAMES
Spiele von 10 Künstlern

11. August - 29. September 2002

Spieltheorien stehen in fast allen Disziplinen (von der Anthropologie bis zur Ökonomie) hoch im Kurs - und sie haben auch in der Kunst Konjunktur. Zahlreiche Künstlerinnen und Künstler adaptieren gängige Spiele, setzen dabei auf Wiedererkennungseffekte und transformieren, brechen und konterkarieren die Angebote der Entertainment-Industrie. Artists´ Games, Public´s Games zeigt Arbeiten von Christoph Draeger, Hans-Peter Feldmann, Jochen Flinzer, Meschac Gaba, Eva Grubinger, Carsten Höller, Felix Stephan Huber, Kirsten Johannsen, Jozef Legrand und Uri Tzaig. Sie laden mehrheitlich das Publikum zum Spielen ein und reichen von Computerspielen über Schach und Gesellschaftsspiele bis hin zu psychologischen Spielen. Irgendein Störfaktor oder ein Surplus findet sich in allen Beiträgen, die oft in unerwarteter Weise brennende Fragen unserer Zeit aufwerfen. Spiele wirken harmlos, doch sie sind es weder in der Realität noch in der Kunst, denn, so der Künstler, Spielzeugsammler und ehemalige Spielzeughersteller Hans-Peter Feldmann, sie sind ein Abbild der Welt.

 
Danica Dakic
Prayer, 2002

9. Juni - 28. Juli 2002

Im postideologischen Zeitalter sind Religionen in einem kaum zu erwartenden Maße zu politischen Faktoren geworden. Diese Entwicklung bildet den Hintergrund für die neue Video-Installation von Danica Dakic, die erstmals in Ulm zu sehen ist.

"Prayer" entstand während eines mehrmonatigen Aufenthaltes der Künstlerin in New York im Herbst vergangenen Jahres. Auf drei frei im Raum platzierten Rückprojektionsflächen erscheint nach dem Zufallsprinzip wechselnd ein weibliches Gesicht, genauer die Mundpartie einer Frau. Die professionell ausgebildete amerikanische Sängerin verfügt über ein immenses Repertoire an spirituellem Liedgut unterschiedlicher Religionen, Sekten und Synkretismen, von den großen Weltreligionen über Minderheitenreligionen bis hin zu Globalisierungsphänomenen wie American Sufi. Nach und nach trägt sie 16 davon vor, wobei sich mit jedem scheinbar beliebigen "Springen" der Projektionen zugleich der Klangraum verschiebt. Die Arbeit entfaltet sich auch in der Spannung zwischen dem alltäglichen und keineswegs perfekten Antlitz der Interpretin und der unspektakulären, uninszeniert wirkenden Aufnahme einerseits und der Schönheit und transzendenten Kraft der Musik andererseits.

Mit "Prayer" verfolgt die 1962 in Bosnien geborene Danica Dakic ihre Frage nach Heimat und Identität heute weiter; zuletzt waren Arbeiten von ihr in den großen Ausstellungen "la casa, il corpo, il cuore", Museum Moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien 1999, "After the wall", Moderna Museet Stockholm 1999, Hamburger Bahnhof Berlin 2000 und "Ich ist etwas Anderes", Kunstsammlung NRW Düsseldorf 2000 zu sehen.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Texten von Brigitte Hausmann und Reinhard Spieler.

 
Max Mohr
Double Pleasure

14. April bis 2. Juni 2002

Einmal mehr startete Max Mohr (Jg. 1962), der Surrealist der Gegenwartskunst, einen Fischzug in tiefere Schichten des Bewusstseins und verwandelte den 300 qm großen Schuhhaussaal des Kunstvereins in eine kosmisch-fatamorganische Landschaft mit eleganten Absurditäten, denen eigene reale Persönlichkeiten innezuwohnen scheinen.
Sein "Salon au fond de la mer", um eine Formulierung des vom Künstler geschätzten Dichters Rimbaud aufzugreifen, treibt dahin als eine aphrodisische Insel, durch die das Begehren hindurchleuchtet, spinnt einen Kokon aus Konträrem, der die Ordnung des Profanen vergessen lässt und einer Struktur völlig ungezwungener Verrätselung folgt, bildet ein Zwischenreich, in dem sich, wie es Gaston Bachelard in seiner Poetik des Raumes beschrieb, das Unbewusste aufhält und sich die Imagination in ihre Geheimnisse zurückzieht.
Die rätselhaften Bewohner dieses Grenzgebietes von Innen- und Außenwelt, "Unterwasserwesen" (Mohr), ragen skurril in die Luft, balancieren auf Stelzen, klammern sich an die Wand und breiten sich am Boden aus, stecken spiralig sich aufbauende rüsselartige Gebilde und grazile Fühler vor, erinnern an seltene Gewächse. Es ist ein Spiel von Anziehung und Abstoßung, Lust und Unbehagen. Die Ambivalenz von Mohrs Arbeiten, ihre verführerische, traumwandlerische Schönheit einerseits und der Hauch von Unangenehm-Berührtsein andererseits resultieren in einem nicht geringen Maß aus den Materialien, fleischfarbene Gespinste, auf Glieder verweisendes Prothesenmaterial, sanft schimmernde Dessous als Spur des Körpers in einer zunehmend künstlichen, technisierten und perfektionistischen Welt wie Mohrs Werk überhaupt die waghalsige und fragile Idee vom Absurden, Sinn- und Funktionslosen in einer utilitaristischen und rationalen Gegenwart vertritt.
Die poetische Grundhaltung, die Sprache des Begehrens, aber auch der Witz verleiht Max Mohrs Architekturen der Erinnerungen und Gefühle Unvergleichlichkeit. Ihre Einzigartigkeit wurde auch früh erkannt: 1992 bereits richtete Jean-Christophe Ammann im Museum Moderner Kunst in Frankfurt eine Ausstellung aus; in den letzten Jahren waren seine Arbeiten in so bedeutenden Ausstellungen wie "German Open" im Kunstmuseum Wolfsburg und "Hypermental" im Zürcher Kunsthaus und in der Hamburger Kunsthalle zu sehen.

Aus Anlass der Ausstellung erschien eine Edition von Objekten (Silikon, orthopädisches Material, Auflage: 11, Preis: 252,90).

 
Harald Fuchs
Schwebende Teilchen in gläsernen Kalebassen

Die Möglichkeiten und Grenzen der Naturwissenschaften zählen zu den brennenden Fragen der Gegenwart, die großen bioethischen Debatten dieses Jahres wurden von einer breiten Öffentlichkeit verfolgt und kommentiert. Der Kölner Künstler Harald Fuchs beschäftigt sich seit langem mit Erkenntnissen und Methoden der modernen Wissenschaften, oft erinnern seine multimedialen Installationen mit ihren Dia-, Overhead- und Videoprojektionen, ihren Glastischen, Kolben und anderen Gefäßen mit reaktiven Flüssigkeiten an Laboratorien, in denen dem Laien verschlossene, geheimnisvoll anmutende Vorgänge stattfinden.
Doch Harald Fuchs ist nicht nur ein Grenzgänger zwischen Wissenschaft und Kunst. Unter den wissenschaftlichen und Präsentationsinstrumenten und -apparaturen findet sich unvermutet eine in diesem Kosmos fremde Motivik, Aufnahmen von afrikanischen Fetischen, Voodoo-Märkten, von Kalebassen und Rasseln von Medizinmännern und anderen rituellen Objekten. Fuchs unternahm selbst bereits zahlreiche Reisen nach Afrika und dessen dem magischen Denken noch näheren Gesellschaften bilden eine zweite Quelle, aus der sich seine Arbeit speist (neben Afrika beschäftigen ihn aber auch die europäische Kulturgeschichte und europäischer Wunderglaube).
Harald Fuchs verbindet Welten, die für den Westen seit Pascals Grenzziehung zwischen Glauben und Wissenschaft im 17. Jh. strikt voneinander getrennt sind. Sein unhierarchisches und unorthodoxes Denken in Analogien und Korrespondenzen, seine unterschiedliche "Zutaten" vernetzende Praxis begründen seine einzigartige Position in der gegenwärtigen Auseinandersetzung von Kunst mit Wissenschaft.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit Texten von Eckhart Gillen und Brigitte Hausmann.

Zur Eröffnung am Samstag, den 1. Dezember, 18 Uhr sind Sie herzlich eingeladen.
Begrüßung: Dr. Brigitte Hausmann
Einführung: Prof. Dr. Hartwig Frankenberg, Kempten
Harald Fuchs ist anwesend.


Harald Fuchs: 1954 in Rehau geboren, Grafik-Studium an der FH Würzburg und der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart, 1990 Villa Massimo-Stipendium, seit 1992 Professur für Design, seit 1995 Professur für Kommunikationsdesign, 1997 Hermann-Claasen-Preis für Fotografie und Medienkunst, zahlreiche Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen, u.a. 1983 Kunsthalle Tübingen; 1987 Galerie Ralph Kleinsimlinghaus, Düsseldorf, Galerie Gugu Ernesto, Köln; 1988 Galerie Sima, Nürnberg; 1989 De Gele Rijder, Arnhem; 1991 Hiltrud Jordan Galerie, Köln; 1993 Nexus Contemporary Art Center, Atlanta, Architekturmuseum, Frankfurt/Main; 1994 Wewerka-Pavillon, Münster; 1995 Kunstraum Wuppertal, Blue Coat Gallery, Liverpool; 1996 Kunsthalle Düsseldorf, Kunsthalle Tübingen; 1997 Museum Allerheiligen, Kunstverein Schaffhausen; 1998 Kunst- und Ausstellungshalle der BRD, Bonn; 1999 Württembergischer Kunstverein, Stuttgart; The Landmark Gallery, Lubbock, TX; 2001 Wilhelm-Lehmbruck-Museum, Duisburg; Galerie Mirko Mayer, Köln.